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Aufbruch ins Ungeahnte (Ex 15,22-27)
Während eines Bibliodramas verändert sich meine Perspektive: Gottes Wort wird zu gelebtem Leben. Durchlebte Geschichten sind länger und unvergleichlich tiefer als aneinander gereihte Sätze. Und gemeinsames Suchen und Ringen schaffen Beziehungen zu mir, zum Du und zum Geheimnis des Lebens.
Der Text Exodus 15,22-27
Exodus 15,22-27 ist eine Brunnengeschichte, auch eine Weggeschichte, auch eine Wüstengeschichte, auch eine Wandlungsgeschichte: Das Volk Israel steht am Anfang seines langen Befreiungsweges. Die Prophetin Miriam hat gerade ihr Loblied vor Gott und den Menschen getanzt. Jetzt steht der Aufbruch in die Wüste an.
Das Spiel
Im Bibliodrama werden Textorte im Raum ausgelegt, der Raum wird zur Geschichte. Im vorliegenden Text gibt es einen Ort des Aufbruchs und einen durstigen Wüstenweg. Es gibt eine zentrale Mitte: einen Brunnen mit bitterem, ungeniessbarem Wasser, das zu klarem Wasser werden kann. Auf der einen Seite ist der Ort des enttäuschten Volks und Moses, der zu Gott schreit, auf der andern Seite der Ort von neuem Recht und Gesetz. Der Weg geht weiter zu den 12 Quellen und 70 Dattelpalmen.
Im Spiel suchen sich alle Mitspielenden ihre Rolle, eine, die sie berührt und etwas in ihnen zum Schwingen bringt. In unserem Spiel steht eine Frau am Ort des Aufbruchs. Vor kurzem erst hat sie die fetten Töpfe Ägyptens verlassen. Sie braucht noch Zeit, ihren Durst zu benennen und hört deshalb gut hin, wenn andere davon erzählen, was sie "durstig" sein lässt. Beim bitteren Wasser angekommen, mag sie aber nicht einstimmen in die Enttäuschung gegen Mose. "Liegt es nicht an mir, selber zu Gott zu schreien?" Im Gegensatz zu andern hat sie viel Sympathie für den schreienden Mose. Ein anderer weiss sich vertraut mit Systemen, die sich verändern. Er steht am Ort von neuem Recht und Gesetz. Er wird traurig als er wahrnimmt, welch alten "ägyptischen" Gesetzen er nacheifert, die er meint, schon lange hinter sich gelassen zu haben. Er sucht sich Menschen in seiner Nähe, um mit ihnen nach "Gesetzen" zu fragen, die in Gottes Augen "recht" sind.
Das Gespräch
Die Spielerfahrungen werden im anschliessenden Gespräch ins Wort gebracht. Was haben sie mit mir, was mit meinem Glauben zu tun? Befreiend erlebte die Frau ihre Erfahrung, dass sie auf durstigem Weg zu Gott schreien darf, wenn Bitteres nicht bitter bleiben soll. Und sie hängt der Frage nach, wie denn ihr Holzstück heisst, dem sie mögliche Wandlung zutraut. Niemandem ist es möglich, Hand an das Holzstück zu legen und es "zu brauchen". So bleibt in diesem Spiel das Wasser bitter.
Und trotzdem: Ausgerechnet Kleinglauben, Zögern und Zweifeln werden als Glaubenserfahrungen erlebbar, in den kleinen Schritten wird das Geheimnis des Lebens sichtbar - für einige neu und unerwartet. So ist Gott in den alten Geschichten mit uns Menschen heute unterwegs: wartend, fragend, zutrauend, bewegend, berührend, wandelnd, laut und leise. Erfahrbar ist ebenfalls: Im Austausch mit Wegabschnittsgefährtinnen und -gefährten liegt Kraft für neue Schritte.
Übung für die pastorale Praxis
Menschen gehen neue Wege zwischen Angst und Zutrauen. Wir würdigen drei "Scharnierpunkte": den Aufbruch, die Wandlung, das vorläufige Ankommen. Wir stehen an jeden dieser Orte im Raum und sammeln gemeinsam Worte – zuerst die der Angst, anschliessend die des Zutrauens. Alle wählen sich zum Schluss je eines aus, legen das Wort der Angst neben dasjenige des Zutrauens und zeigen ihr Zutrauenswort als kurze, wortlose Geste den Anwesenden: Zutrauen wird verleiblicht.
Monika Lauper-Keller
Aus: ferment 5/2007 "Zwischen Angst und Vertrauen", S. 56. Pallottiner-Verlag, Postfach, CH-9201 Gossau SG.