Bibliodrama und Seelsorge


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Grosses hat die Lebendige an mir getan


Im Bibliodrama verändert sich unsere Wahrnehmung der Menschen, die im Text beschrieben werden. Verwandtschaften werden spürbar, sich mit alten Sehnsüchten zu verbinden oder sich von ihnen abzugrenzen, wird Leben eingehaucht. Dazu braucht es seelsorgerliche Begleitung und eine Gruppe, die mitgeht.

 

Der Text Lukas 1, 38c – 56 und das Spiel

Im Bibelgespräch vor dem Spiel zeigten sich vor allem Widerstände gegen den Text, vor allem gegenüber dem Magnificat Marias, aber auch Anknüpfungspunkte: "Schwanger die Welt retten wollen", berührte einige Teilnehmerinnen merkwürdig; die Verheissung, dass die Reichen leer ausgehen werden, weckte bei einer Frau unangenehme Erinnerungen an ihre Zeit in einem afrikanischen Land, wo sie zu den Reichen gehörte, die leer ausgehen werden; dass die Lebendige Mächtige vom Thron stürzt, mag der Gerechtigkeit dienen, tönt aber auch gewalttätig.

 

Der Text im Raum

Im Spiel gab es eine Hochmütige – welcher der Text verheisst, dass die Lebendige sie vereinzeln wird. Diese Frau erlebte, wie einsam Hochmut macht. In einem seelsorgerlichen Nachgespräch wurde deutlich, dass ihre Rollenwahl daher rührt, dass sie für einmal nicht automatisch mit anderen in Verbindung gehen wollte. Das tut sie sonst immer. Es gehört sich für uns Frauen, dass wir beziehungsfähig und deshalb auch immer beziehungsbedürftig sind. Sie nahm sich in diesem Bibliodrama die Freiheit, in die Vereinzelung zu gehen - mit dem Risiko, hochmütig zu wirken. Das tut sie sonst nie. Aber sie spürte, dass sie es im richtigen Leben ruhig einmal ausprobieren könnte, alleine zu bleiben und genau zu prüfen, ob eine Verbindung für sie wirklich stimmig ist oder eben auch nicht.

Es war für mich als Seelsorgerin - und wenn ich Bibliodrama leite, bin ich vor allem als Seelsorgerin gefragt - eine Herausforderung, ihr diese Vereinzelung zu lassen, auch wenn es für uns alle harmonischer wäre, wenn sich am Schluss alle in den Arm nehmen könnten. Ich stellte ihr die Frage, wohin es sie ziehen würde, wenn sie sich eine Bewegung vorstellen könnte. Eventuell zu Sara, meinte sie, also zu der Frau, die auch die Vereinzelung und den Hochmut kennt. Aber im Spiel war für sie die Zeit noch nicht reif für diesen Schritt. Der Ort Saras war für viele ein wichtiger Bezugspunkt: Manche spürten, welch lebendige Quelle die Verbindung zu den Müttern und Vätern im Glauben ist. Sich gestärkt fühlen, nicht eingeengt, durch das Wissen um das, was die Mütter und Väter erlebt haben, an Erfüllung und Enttäuschung. Spürbar wurde auch, wie schwer sich das Leben anfühlen kann, wenn es keine Verbindung zu diesen Generationen gibt.

 

Übung für die pastorale Praxis

Zwei Orte markieren: Einer steht für Elisabeth und Maria mit ihrem Magnificat,

einer steht für Sara und Abraham, für die Generationen, die beides erlebten: die erfüllte Verheissung mit Gott, der/die Grosses an ihnen getan hat und die Enttäuschung, Gott-Verlassenheit. Am ersten Ort liegt ein grossgedrucktes Magnificat, am zweiten ein angefangener Stammbaum: Sara, Abraham, Hagar, Ismael und Isaak, viele leere Stellen, dann die Namen von Maria, Elisabeth, Johannes und Jesus, viele leere Stellen und dann die Vornamen der Teilnehmenden. Alle können die beiden Orte aufsuchen, ihre Sehnsucht wahrnehmen, sich mit Müttern und Vätern im Glauben verbinden oder sich von ihnen abgrenzen und sich mit anderen darüber austauschen.

 

Karin Klemm

Aus: ferment 3/2007 "frauenstark", S. 57. Pallottiner-Verlag, Postfach, CH-9201 Gossau SG.