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Jetzt und hier und immer wieder (Lk 2,1-14)
Während eines Bibliodramas verändert sich unsere Wahrnehmung eines Bibeltextes. Der Text verlässt die zwei Dimensionen einer Buchseite, er wird dreidimensional. Er wird im Raum ausgelegt. Ich kann ihn begehen und darin meinen Ort finden. Und der Text verlässt die Vergangenheit, in der er geschrieben wurde und ereignet sich jetzt.
Der Text Lukas 2, 1-14
Die Weihnachtsgeschichte, wie sie oft erzählt wird, geht "runter wie Butter": Die andächtigen Hirten, das pausbäckige Kind im Stroh, Maria und Josef beobachten schäfisch fromm das Geschehen. Es braucht einen neuen Blick, um zu entdecken, dass hier kein "holder Knabe in lockigem Haar" besungen wird. Die ach so vertraute Weihnachtsgeschichte zeigt eigentlich Spannungsfelder auf: Kaiser Augustus und Quirinius gegen das Volk des römischen Reiches, das zu über neunzig Prozent ein erobertes, unfreies Volk ist. Menschen wie Josef und Maria, die keine Herberge haben, gegenüber von Menschen, die behaust sind. Die brotlosen Hirten, die am Rand der Gesellschaft leben, im Gegensatz zu denjenigen, die einen Ort in Betlehem, sprich im Haus des Brotes, haben. Ein Ort, an dem Gott gelobt und den Menschen Frieden gewünscht wird, in Spannung zu einem Ort, wo der Kaiser sich vergöttern und Menschen versklaven lässt.
An diesen Spannungsfeldern kann ich auch heute mit der gesellschaftlichen Situation und mit meiner persönlichen Lebensgeschichte anknüpfen. So wird die Zeit von damals zum Geschehen im Hier und Jetzt.
Übung für die pastorale Praxis
Die folgende Übung können Sie zu Beginn einer Katechetinnenrunde, eines Teamgesprächs oder einer Pfarreiratssitzung in einem neutralen Raum durchführen. In abgewandelter Weise eignet sich diese Form der Textaktualisierung auch für den Gottesdienst.
Sie lesen den Text vor.
Sie sammeln möglichst textnah auf einem grossen Blatt alle Worte, die eine Rolle in der Geschichte spielen.
Sie laden ein zu einer Stille, in der die Teilnehmenden nachspüren, welcher Vers sie am meisten bewegt.
Sie lesen den Text ein zweites Mal sehr langsam. Die Teilnehmenden stimmen in das Lesen mit ein, sobald ein Wort oder Vers vorgelesen wird, der den einzelnen bewegt.
Sie legen je ein vorbereitetes Blatt mit den untenstehenden Worten in vier verschiedene Ecken des Raumes. Dabei ist wichtig, dass jeder Ort zwei gegensätzliche Seiten hat und das Spannungsfeld von Lukas 2, 1 - 14 aufgreift. Sie können jeweils ein passendes Tuch unter das Blatt legen.
Sie laden alle ein, die verschiedenen Orte in Stille zu besuchen.
Nach einer Zeit, wenn alle jeden Orte besucht haben, laden Sie dazu ein, einen ausgewählten Gegenstand an einem oder mehreren Orten abzulegen; d.h. die Orte werden sinnenhaft und anschaulich illustriert. Dazu stellen Sie einen Koffer mit Alltagsgegenständen, Symbolen, Naturmaterialien oder Tüchern in die Mitte.
Zum Schluss laden Sie die Teilnehmenden dazu ein, sich einen Ort auszusuchen und dort in Stille zu verweilen. Dann lesen Sie den Text noch einmal vor und schliessen auf diese Weise die Textaktualisierung ab. Alternativ könne Sie auch eine Austauschrunde anregen, in der alle kurz über ihre Erfahrungen mit dem Text erzählen.
Claudia Mennen
Aus: ferment 6/2007 "Die alte Botschaft", S. 57. Pallottiner-Verlag, Postfach, CH-9201 Gossau SG.