Bibliodrama und Seelsorge


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Vergeben nach innen, Versöhnen nach aussen (Gen 32,23-33,17)

Während eines Bibliodramas verändert sich unsere Wahrnehmung eines Bibeltextes. Der Text verlässt die zwei Dimensionen einer Buchseite, er wird dreidimensional. Gottes Wort wird Raum. Ich kann hineingehen, darin meinen Ort finden und in Kontakt treten mit mir und mit den Mitspielenden. Und manchmal wird irgendwo in einem Augenblick eine vierte, geheimnisvolle Dimension als Lebensquelle erfahren.

 

Der Text Genesis 32,23-33,17 und das Spiel

Im Bibliodrama zu Jakobs Kampf am Jabok und der Begegnung mit Esau, seinem Bruder wird der Text im Raum ausgelegt. Da gibt es den Fluss Jabok, an dem Jakob in der Nacht ringt, verletzt wird und Segen erzwingt. Da ist das Lager Jakobs mit seinen Frauen und Kindern, Knechten und Mägden und seinen Tieren. Gegenüber liegt das Lager Esaus mit den bedrohlichen 400 Mann. Und es gibt den Ort der Begegnung Jakobs mit Esau, den Ort der Niederwerfung und der Umarmung.

Ein Mitspieler lässt sich auf die Rolle des Jabok ein. Er will als Wasser nahe am Ringen und Segen sein. Es beschäftigt ihn die Frage, was Wasser als Lebensquelle mit Ringen zu tun haben könnte. Im Lauf des Spiels lehnt eine Mitspielerin, die in der Rolle des Jakobs nach Begegnung dürstet, sein Angebot ab, ans Wasser zu kommen. Eine weitere Mitspielerin hat ebenfalls Jakob gewählt, jedoch am Ort des Lagers. Sie bekommt die ganze Verantwortung gegenüber der Sippe zu spüren.

 

Das Gespräch

Nach dem Spiel sprechen wir über unsere Erfahrungen. Was haben die Spielerfahrungen mit dem eigenen Glauben zu tun? Der Mitspieler "Jabok" kennt die gemachte Erfahrung auch im alltäglichen Leben. Es ist der Frust, wenn Angebote, die weiterhelfen könnten, abgelehnt werden, und es ist das Ringen, nicht aufzugeben, trotzdem weiter zu machen. Und die Mitspielerin "Jakob" berichtet von der neuen Erfahrung, was es heisst, sich nicht gleich für alles und jeden verantwortlich zu machen.

 

Übung für die pastorale Praxis: Ein Ritual entsteht

Wie können Sie eine solche Wahrnehmung der Bibel in einer Gruppenarbeit ermöglichen? Zunächst kann der Text gelesen und erste Eindrücke ausgetauscht werden.

Wir benennen die Spannungsbögen im Text, die Vergebung und Versöhnung möglich machen: Nacht – Morgenröte, Eintauchen – Auftauchen, Abwendung – Zuwendung, Niederwerfen – Umarmung, Alleinsein – Gemeinschaft, Ringen – Segen. Diese Worte werden aufgeschrieben und auf dem Boden ausgelegt. Alle suchen ihren Ort. Welches Wort zieht mich heute besonders an? Die Beschäftigung mit dem gewählten Wort geht über in die Gestaltung des entsprechenden Ortes. Gegenstände werden gesucht. Auch Körperbewegungen und Gesten sind als Gestaltungselemente möglich. Wo mehrere Personen einen Ort ausgewählt haben, entsteht ein gemeinsames Bild. Nach der Vernissage der Pole entscheidet die Gruppe, welcher Spannungsbogen für die Entwicklung eines Vergebungsrituals gewählt wird.

Zur Entwicklung eines Rituals haben sich folgende Hinweise als unterstützend erwiesen: Wichtig ist erstens die existentielle Betroffenheit durch das Thema. Zweitens ist es hilfreich, kurz über den Sinn eines Rituals zu sprechen, dass Rituale Perspektiven eröffnen, weil sie Raum schaffen für die grossen Lebenshoffnungen, die im Ritual geschärft und vorweg gelebt werden. Und Drittens ist eine Bemerkung zu unseren Ressourcen hilfreich: Erfahrungen mit Ritualen, unser Ideenreichtum, unser Körper, der gestaltete Spannungsbogen und der biblische Text.

 

Urs Solèr

Aus: ferment 2/2007 "Entschuldige, bitte!", S. 58. Pallottiner-Verlag, Postfach, CH-9201 Gossau SG.