Bibliodrama und Seelsorge


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Exerzitien mit Bibliodrama

von Hildegard Aepli

Seit rund 10 Jahren leite ich Exerzitien, in welchen das Bibliodrama einen zentralen Platz einnimmt. Der Rückzug aus dem Alltag in ein Bildungs- oder Exerzitienhaus, das Schweigen, von welchem die Tage getragen werden, und das Spiel des Bibliodramas als angeleitete Form der Glaubenskommunikation prägen diese Zeit. Die Exerzitien sind ignatianisch orientiert, insofern das Wort der Schrift in der Tiefe wirken und begleiten soll. Das Bibliodrama nimmt die Methode von Andriessen/Derksen auf. Im folgenden Artikel versuche ich die Eigenart und den Wert dieser Exerzitienform darzustellen. Zwei Erfahrungsberichte von Teilnehmenden (Peter und Barbara) unterstützen das Anliegen.

Tagesablauf

Morgengebet – Frühstück Bibliodramaeinheit (ca. 2 Stunden) – freie Zeit Mittagessen – Mittagspause Gemeinsame Meditation Freie Zeit und Einzelgespräche Gemeinsame Meditation Nachtessen – freie Zeit Eucharistiefeier

Ablauf einer Bibliodramaeinheit

– Bibeltext hören/lesen – Rollen sammeln (Stichworte werden aufgeschrieben: alles, was vom Text her eine Rolle spielt) – Gespräch über den Text: Was findet bei einzelnen Resonanz, Zuspruch, Widerspruch? – Bibeltext hören/lesen – Raumeinteilung: der Text wird durch genau bezeichnete Orte in den Raum geholt. – Ort und Rolle suchen: Welche Person, Situation zieht mich an? An welchem Ort? – Interview mit allen durch die Spielleitung: Wer bist du in diesem Spiel? An welchem Ort bist du? – Spiel: freie Interaktion. Die Spielleitung bleibt Anwalt des Textes, bringt ihn gegebenenfalls ins Bewusstsein zurück. – Nachgespräch: Was ist wichtig geworden (persönlich, vom Text her, für den eigenen Glauben)? – Bibeltext hören/lesen

Das Wort der Schrift – unsere Worte

Anliegen der Exerzitien wie auch des Bibliodramas ist, dass der Mensch im Gegenüber der Heiligen Schrift sich selber mehr und mehr erkennen kann. Dazu sind Hilfen notwendig, den biblischen Text aus seiner Unzugänglichkeit oder Fremdheit zu lösen.

Der Glaube an Gott, der in der Schrift wie ein Schatz im Acker verborgen liegt, muss Menschen von heute lebendig entgegen kommen. Sie brauchen die Erfahrung, dass ihre Hoffnungen und Fragen Teil der Bibel sind.

Barbara: Das Bibliodrama hat bei mir eingeschlagen wie ein Blitz. Für mich war und ist das die Methode, zu mir selber zu kommen, mich kennen zu lernen, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und für wahr zu halten. Das, was gerade in meinem Innern ist, darf sein, ist gut so, wie es ist. Biblische Texte, die ich im Bibliodrama gespielt habe, sind für mich lebendig geworden. Das Spiel hat dazu beigetragen, die Texte zu verstehen.

Die ersten vier Schritte im Bibliodramaablauf (wie oben beschrieben) fördern vor allem den persönlichen Bezug zum biblischen Text und die Erweiterung des Verständnisses durch die Sicht der anderen. Es geht um das Lesen, die ersten Eindrücke und um das Hören auf andere.

Peter: Am Beginn des Dramas steht die Auseinandersetzung mit dem Bibeltext. Sie geschieht unverkrampft. Der Text wird weder akademisch seziert noch voll frommer Naivität auf das Podest gehoben. Die Aufzählung von Worten, Begriff en, Personen, Orten, Gegenständen macht den Text präsent. In die kurze Austauschrunde über den Text dürfen alle einbringen, was sie mit ihm verbinden, emotional oder akademisch theologisch gefärbt, alles hat Platz. Das Wichtige ist, dass nicht diskutiert wird, nur ausgetauscht. Denn nicht «das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten der Dinge von innen» (Ignatius von Loyola).

Durch die Raumaufteilung, das heisst, durch die Bezeichnung der wichtigsten Orte einer Bibel - stelle, kommt der Text automatisch in den Raum und dadurch in die Gegenwart der Spielenden. Der Text wird «Raum», er wird begehbar, bekommt die Gestalt eines Weges oder zeigt sich in seiner jeweiligen Dynamik. Die Teilnehmenden besuchen die einzelnen Orte mit der Frage: Wovon (Rolle und Ort) bin ich am meisten angelockt? Welches Geschehen, welche Person interessiert mich? Was möchte ich ausprobieren? Durch diese Schritte sinkt der Text von der anfänglich eher kopflastigen Auseinandersetzung in die Schichten der Wahrnehmung.

Peter: Welches Wort, welche Person, welcher Gegenstand zieht mich an? Diese Frage wird intuitiv beantwortet, wenn ich mich am Ort des Spiels einfinde. Alle suchen ihren Platz auf dem Spielfeld, das vom Leiter strukturiert aufgebaut wird.

Haben alle ihren Ort gefunden, respektive sich in den meisten Fällen für eine Rolle an einem bestimmten Platz entschieden, wird durch die Interviewrunde erst deutlich, wer was gewählt hat. Das kann dazu führen, dass einige Rollen doppelt oder mehrfach besetzt sind, andere wiederum ganz fehlen. Diese auf den ersten Blick nicht ideale «Rollenbesetzung» hat keine negativen Auswirkungen auf das Spiel. Der Text als Ganzes ist trotzdem präsent, die Lücken haben ihre eigene Aufgabe und Kraft. Das kleine Interview, das zum ersten Sprechen in der eingenommenen Rolle führt, hat eine grosse Bedeutung. Oft sind die Spielenden überrascht, sich selber sprechen zu hören, obwohl sie sich zuvor Sätze zurechtgelegt hatten. Das ausgesprochene Wort hat eine andere Kraft, weil es auch von den andern Anwesenden mitgehört wird.

Peter: Die kurze Befragungsrunde «Wer bist du?» und ein, zwei Nachfragen führen bei mir oft bereits zum ersten Aha-Erlebnis.

Das eigentliche Spiel ist nur einer von zehn Schritten dieser Bibliodramamethode. Es ist aber der intensivste Teil, weil jetzt die Dynamik der Interaktion und das mögliche Durcheinandergeraten der zeitlichen Dimension von Textanfang und späteren Abschnitten «Unordnung» aufkommen lassen kann. Die vorgängig geschmiedeten Pläne: ich sage dann das und jenes… wirken eher hinderlich. Überraschungen und Spontanes nehmen Raum ein.

Peter: Wie ich den ersten Schritt ins Spiel setze, was mir wichtig ist, was mich in diesem Moment vor dem Hintergrund meiner Lebens- und Glaubensgeschichte anspricht, wird ganz von mir geprägt und mitbestimmt. Was daraus im Laufe der freien Interaktion des Spiels wird, ist beeinflusst vom Spiel mit den anderen und von der diskreten Regieanweisung; das Spiel wird nicht von den Akteuren, sondern vom Spielleiter beendet. Alles wie im «richtigen» Leben. Barbara: Ich habe die Möglichkeit Rollen oder Situationen auszuprobieren, weil es eben ein Spiel ist. Die Wahl der Rolle hat immer etwas mit mir zu tun, z. B. mit meiner Befindlichkeit, mit den Schwierigkeiten, die mich zurzeit begleiten, mit Fragen, die ich in mir trage oder mit meiner Neugier, etwas Neues auszuprobieren. Im anschliessenden Spiel bestimme ich, was ich sage oder nicht sage. Ich bestimme, ob ich Schritte tun möchte oder nicht. Ich lasse mich von inneren Impulsen leiten.

Ein Spiel findet kaum seinen natürlichen Schluss. Dieser wird von der Spielleitung gesetzt. Das Nachgespräch will einerseits das Zu-sich-kommen nach einer Spieleinheit bewirken und andererseits zu einer ersten Deutung oder Zusammenfassung des eigenen Erlebens in der Gemeinschaft der Spielenden anregen.

Vom Denken zur Wahrnehmung

Marie von Ebner-Eschenbach hat geschrieben: «Nicht was wir erleben, macht das Leben reich, sondern wie wir empfinden, was wir erleben.» Ihr Satz drückt ausgezeichnet aus, worum es in Exerzitien und im Bibliodrama geht. Viele postmoderne Menschen leiden unter ihrer Kopflastigkeit und vor allem an der Hybris, dass Reize und Impulse aus immer neuen Erlebnissen gesaugt werden müssen. Der Bezug zum Innern, von der eigenen Wahrnehmung her, kommt zu kurz. Erst die Frage «Wie empfinde ich das, was ich soeben erlebt habe?» spricht die tiefe Schicht unserer Sehnsucht und der Bedürftigkeiten an. Das Bibliodrama ist eine normalerweise ausgezeichnete Methode, die Verbindung von Kopf und Herz einzuüben und aus dieser neuen Sichtweise Zugang zu biblischen Menschen und deren Aussagen zu gewinnen. Die Weisung des hl. Ignatius von Loyola, in der stillen Bibelbetrachtung den Text auf einer inneren Bühne lebendig werden zu lassen, um mit ganzer Phantasie und allen Sinnen daran teilzuhaben, ist ein Modell von verinnerlichtem Bibliodrama.

Peter: Das Bibliodrama ersetzt im Aufbau der Exerzitien die klassische individuelle Bibelbetrachtung. Mir ist es jedoch wesentlich mehr geworden als nur ein mehr oder wenig geeignetes spirituelles Vehikel. Es versinnbildlicht das Drama des menschlichen Lebens. Ja, es kommt auf mein Spiel an. Aber die wesentlichen Dinge gelingen nur in einer eigenartigen Balance von Intuition und reflektiertem Handeln. Eine Rolle zu spielen, die nicht die meine ist, macht nicht satt oder misslingt gar. Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren. Gnade und Eigeninitiative. Im Spiel wird erfahrbar, wie diese T emen zusammengehören.

Sich zeigen – Zeuge sein

Während der Bibliodramaeinheit zeigen sich die einzelnen in einer bestimmten Art und Weise. Sie lassen ein wenig von den eigenen Zusammenhängen durchblicken, an sich teilhaben. Dies geschieht in einem geschützten Rahmen, zu welchem alle Eigenverantwortung tragen. Schutz gewährt die Form des Austausches, wo nicht diskutiert wird, wo es also nicht um Meinungen geht, um Mehr- oder Besserwissen, sondern um persönliche Aussagen, um eigenes Empfinden und Wahrnehmen. Im Spiel des Bibliodramas bietet die Rolle Schutz. Das Hineinschlüpfen in eine Rolle und das anschliessende Spiel in dieser «fremden Haut» mit der Ausrichtung: als ob ich Maria von Magdala … als ob ich Petrus … als ob ich Elia … wäre, ermöglicht eine Mischung von Persönlichem im Gewand und in Zusammenhängen des biblischen Textes. Jede Rolle wird einerseits persönlich ausgefüllt, andererseits aber in einer Dynamik gespielt und ausgedrückt, die vom Text her vorgegeben ist. Schliesslich bietet das Schweigen Schutz, in welches die Exerzitienteilnehmenden anschliessend wieder eintauchen. Es wird nirgends über andere gesprochen oder nachträglich über dies und jenes gelacht. Die Exerzitien sind klar auf den Weg der einzelnen angelegt.

Die Exerzitienbegleitenden sind während jeder Bibliodramaeinheit aktiv miteinbezogen als Spielleiterin, Co-Leiter und Mitspieler. Sie alle werden im Laufe des Spiels Zeugen von dem, was gesprochen wird, von der Wirkung des Spiels, von besonderen Situationen und dem Geschehen als Ganzem. Die Einzelgespräche, die jeden Tag mit allen stattfinden, bieten die Chance, ganz konkret auf das Bibliodrama zurückzublicken und hinzuschauen, was an Bedeutsamem an die Oberfläche, ins Bewusstsein gekommen ist.

Peter: Nach dem Spiel geht es wie in normalen ignatianischen Exerzitien weiter. Ich darf meine Erfahrungen in Gebet und wortloser Meditation vor Gott bringen, sie im Einzelgespräch bewusst machen.

Diese Form der «Zeugenschaft», des Gesprächs unter vier Augen, bewirkt oft erst den Durchbruch eines Aha-Erlebnisses. Ein Gegenüber, das gesehen hat, welche Kraft ein Wort oder eine Handlung ausgelöst haben, bewirkt durch seine Bezeugung Rückenstärkung auf dem Weg.

Barbara: In der anschliessenden Stille des Tages, kann das, was im Bibliodrama angefangen hat zu wirken oder zu leben, weiter getragen werden. Im Spazieren, im Gebet, im Begleitgespräch wirkt das Gespielte und Erlebte nach und kann eine Bedeutung für mein Leben erhalten. Daraus ist ein Samenkorn aufgegangen und ein kleines Pflänzchen hat angefangen zu wachsen: der Glaube an Gott und an Jesus. Der Beginn einer neuen Beziehung, die anfangs noch sensibel und verletzlich war!

Soziale Dimension dieser Exerzitien

Das Bibliodrama in den Exerzitien bringt etwas Neues zum Vorschein – ein Mehr. Die soziale Dimension wird geöffnet. Es wird Raum dafür geschaffen, dass vielfältige Erfahrungen einer Glaubensgemeinschaft möglich werden: Ich darf versuchen, mich selber in einer spielerischen Form einzubringen; ich mache neue Erfahrungen mit mir und zugleich mit andern; ich kann von ihnen lernen; ich höre ein Wort, das nicht unbedingt an mich gerichtet ist, aber mich triff t; ich erlebe eine Gemeinschaft von Suchenden im Leben und im Glauben; es geschieht ein spürbares Geben und Nehmen; Vorbilder können mir zuwachsen; ich lerne, unverkrampft mit Gott, Jesus oder grossen biblischen Gestalten zu sprechen.

Barbara: Ich habe die Möglichkeit, Mitspielende zu beobachten, Situationen anzuschauen, ohne daran teilnehmen zu müssen. Ich darf zuschauen, wie eine andere Person in einer bestimmten Situation reagiert und wenn ich will, kann ich daraus eine Handlungsweise als Anregung für mein Leben übernehmen. Das Ausprobieren von Situationen, z. B. wie ich mich einer Angst stellen kann, und dies in einem geschützten Rahmen, hat mir geholfen, mich im Alltag auch meinen Ängsten zu stellen und ihnen so die Grösse oder die Macht zu nehmen.

Bibliodrama lässt den Zusammenhang von Leben und Glauben sichtbar werden, wenn Bilder oder Sätze des Spiels lebendig bleiben und Orientierung für das Handeln im Alltag bieten. Das Wissen um die anderen, die nötig waren und sind, damit der eigene Weg gelingt, das Angewiesensein auf Impulse, Ermutigung und Rückmeldung, weckt Verantwortung.

Barbara: Der Glaube an Gott und an Jesus ist mir zur Kraft- und Lebensquelle geworden. Aus dieser Quelle schöpfe ich, um die Anforderungen und alle Situationen, die schönen und die schwierigen, in meinem Leben annehmen, aushalten und leben zu können. Peter: Die Erfahrung des Spiels hat mir geholfen, darauf zu vertrauen, dass die Exerzitien nicht verloren gehen oder nur ein Aufladen der Batterien im sonst unveränderten Lauf meines Lebens sind. Sie fordern, mich nach den Exerzitien bewusst hinzustellen und weiter zu spielen.

Abschliessende Gedanken

Das Wort «Bibliodrama» hat für viele einen abschreckenden Charakter. Das darin enthaltene «Drama» kann beispielsweise aufstossen oder die Vorstellung, man müsse Talente im Theaterspielen haben. Die Methode birgt tatsächlich etwas Herausforderndes in der Anleitung, sich nach den eigenen Möglichkeiten einzubringen, etwas von sich zu zeigen (und sei es im Gewand einer Rolle), in Interaktion mit andern zu treten. Normalerweise suchen Menschen Exerzitien, um in sich zu gehen und nicht, um sich auszusetzen.

Wer aber den Mut aufbringt, in dieses «kalte Wasser» zu springen, kann in der gemeinsamen und persönlichen Glaubenserfahrung Neues entdecken. Einmal gespielte Bibeltexte bleiben im Gedächtnis, sie werden zu einem Vorrat biblischer Kraft und Weisheit. Sätze, die überlegt oder spontan ausgesprochen wurden, zeigen ihre orientierungsstiftende Wirkung oft lange über die Exerzitien hinaus. Die räumliche Vorstellung eines Textes kann im Alltag in Erinnerung gerufen werden und die Hoffnung stärken, dass ein nächster Schritt möglich wird. In praktisch jedem Bibliodrama bekommt Jesus oder die Gegenwart Gottes seinen Ort. Diese konkrete Präsenz macht deutlich, dass dieser «Gottesort» jederzeit gesucht und angesprochen werden darf. Leben und Glauben finden spielerisch, unverkrampft, ernst, manchmal aber auch mit viel Situationskomik zusammen. Ein im Glauben suchender Mensch lernt Sprache zu üben, Ausdruck zu finden für die dürstende Seele und findet dabei Brüder und Schwestern, die genauso unterwegs sind.



Hildegard Aepli ist die geistliche Begleiterin der deutschsprachigen Theologiestudierenden und Hausleiterin des Konvikts Salesianum in Freiburg/Schweiz.

Literaturhinweise:
Herman Andriessen / Nicolaas Derksen: Lebendige Glaubensvermittlung im Bibliodrama. Ein Einführung. Mainz 1991.
Herman Andriessen / Nicolaas Derksen / Maria Nolet: Ist Gott wirklich in unserer Mitte? Erfahrungen mit Bibliodrama. Mainz 1997.
Hermann Andriesssen / Maria Nolet / Nicolaas Derksen: Über die Bedeutung der Rolle im Bibliodrama. Hrsg. durch das Theologisch-Pastorale Institut für Berufsbegleitende Bildung der Diözesen Limburg, Mainz und Trier. Mainz 1997.