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Gott war auf meinem Weg mit mir (Gen 35,3)
Gottesbegegnungen im Verlauf einer Biographie am Beispiel des biblischen Jakob
Von Sabine Tscherner-Babl
in: Bibel und Kirche 1/2008 zum Thema "Gott ahnen", S. 32-36
Die Zeitschrift kann bezogen werden über www.bibelwerk.ch oder www.bibelwerk.de
Eine Biographie ist eine Lebensbeschreibung, sie berichtet und beschreibt Erfahrenes und Erinnerungen. Und sie ist immer schon eine Konstruktion. Jede Lebensbeschreibung konstruiert eine Wirklichkeit, zum einen durch das, was sie auswählt und erzählt bzw. was verschwiegen wird. Zum anderen auch dadurch, wie sie erzählt, beschreibt und zuordnet, welche Verknüpfungen und Deutungen sie im Verlauf der Erzählung vornimmt.
Die Geschichte der biblischen Gestalt des JAKOB ist eine der umfangreichsten Lebensbeschreibungen der Bibel und zieht sich über 25 Kapitel des Buches Genesis. Sie beginnt pränatal in Gen 25,22, als die Zwillinge Jakob und Esau sich bereits im Leib ihrer Mutter Rebekka stoßen und endet mit Jakobs Begräbnis in Gen 50. Die Tradition des Volkes Israel kleidet einen Abschnitt ihrer Geschichte und ihrer Glaubenserfahrung in die Lebensbeschreibung der biblischen Gestalt des Jakob und lädt somit alle Leserinnen und Leser und alle Hörenden dieser Geschichte bis heute ein, die in der je eigenen Lebensgeschichte gemachten Erfahrungen auch auf Transzendenz hin zu deuten und auf Spurensuche zu gehen nach Gotteserfahrungen und Begegnungen mit dem Geheimnis. Diese Erfahrungen sind deutungs-offen, sie bedürfen der Interpretation und brauchen (m)eine Auslegung.
An welchen Punkten verbindet der biblische Text die Lebens- und Glaubensgeschichte des Jakob und wie greifen biographischer Kontext und die Art und Weise der Gotteserfahrung ineinander?
Wie entwickeln und verändern sich die Gottesbegegnungen im Laufe seiner Biographie? Darüber hinaus möchte der Artikel einen Brückenschlag bieten, zu welchen Deutungen für die eigene Biographie die Begegnung mit der Gestalt des biblischen Jakob Menschen der Gegenwart anregen kann. Wie setzen heutige Menschen durch die Begegnung mit dem biblischen Text Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte über den bloßen „Zufall“ hinaus in Beziehung zu Gott dem Lebendigen.
Seit 15 Jahren arbeite ich mit der Methode des Bibliodramas (nach Andriessen/Derksen). Gezielt will sie Glaubens- und Lebenstext des Menschen miteinander in Verbindung bringen und ist so auf besondere Weise geeignet, Menschen einzuladen, sich versuchsweise in der Glaubensgeschichte einer biblischen Gestalt zu bewegen. Die Aufteilung des Raumes in Orte und Spannungspole und das Angebot, hier und heute die konkrete Rolle einer biblischen Figur einzunehmen, auszuprobieren und sich darin wiederzufinden eröffnet eine klarere Positionsbestimmung und kann die Perspektive erweitern.
Mit unterschiedlichen Gruppen habe ich in Fortbildungen und Exerzitien Stationen der Jakobsgeschichte „gespielt“ – Anfragen, Deutungen und Biographisches der Menschen sowie eigene Beobachtungen kommen im kursiven Teil der Abschnitte zu Wort.
Der Gott meiner Väter...
Jakob wird in die Glaubenstradition seiner Väter und Mütter hinein gezeugt und geborgen. Noch bevor seine eigenen Lebensgeschichte konkrete Gestalt annimmt, ist er Teil der Verheißung, die in Gen 12,2 an Abraham – literarisch sein Großvater – ergeht. Er hat Anteil an ihr und wird gleichzeitig auch Träger dieser von Adonai gegebenen Zusage: Jakob ist einer der Nachkommen. Über seinem Leben steht eine Verheißung, die bereits von seinen Vorfahren ererbt ist. Daneben erfährt sie in Gen 25,23 in der Antwort des Herrn an Rebekka eine eigene Bestätigung: beide noch ungeborenen Söhne sollen Stammväter werden. Und als weiteres Unterpfand für einen glückenden Lebensentwurf dient sein Name: Ja ´aqob „Er (Gott) möge schützen“. Vieles ist Jakob in die Wiege gelegt worden (Rahmenbedingungen, Umfeld, Prägung durchs Milieu), seine Wurzeln tragen durchs Leben. Sein Leben steht unter glücklichen Vorzeichen. Ihm werden erste Antworten auf die zentralen Menschheitsfragen mitgegeben: Wer bin ich? Die Frage ist eingebettet zwischen der Frage nach der Vergangenheit: Woher komme ich? Und verknüpft mit der in die Zukunft weisenden Frage: „Wohin werde ich gehen?“ – Wo gehöre ich hin? - Bereits die ersten Sätze der Jakobsgeschichte stellen seinen Lebensweg als Weg mit Gott dar. In den einzelnen Lebensabschnitten allerdings muss sich immer wieder neu zeigen, WIE kann das Leben glücken? Welche Wirkung hat Gottes Verheißung und seine zugesagte Gegenwart?
Diese Voraussetzung darf Jakob als Geschenk annehmen.
Was dann folgt, unter der Ouvertüre von Berufung und Verheißung, ist nicht ein glatter Weg zum Gelingen des Lebens, sondern die Erfahrung von Umwegen und Irrwegen, komplex, kompliziert und verworren. Verschlungen wie das Leben.
Anders als Jakob damals leben Menschen heute nicht mehr in der Gewissheit, dass ihr Leben unter einem guten Stern steht. Der Traditionsabbruch gelebten Christseins ist überdeutlich. In der Familie wird nur noch selten vermittelt, dass der /die einzelnen von Gott gesegnet und auf ihrem Lebensweg behütet sind. Es gibt kaum mehr generationenübergreifende Wurzeln, an denen ich meine Berufsfindung oder auch die Bewältigung von Krisen orientieren kann. Und doch gibt es auch heute „Glaubenssätze“ wie z.B. „Du bist in Ordnung, wenn du dich anstrengst; wenn du perfekt bist; wenn du stark bist…“, die die Familie ihrern Kindern verbal oder nonverbal übermittelt. Im Bibliodrama werden diese oft vor-bewussten Glaubenssätze mit denen der biblischen Geschichte konfrontiert.
Betrug und Segen – ein ver-weg-enes Modell
In der Mythologie und im Märchen sind Geschwisterpaare oft ein Bild für die verschiedenen und manchmal widerstreitenden Anteile im Menschen. Sie sind Ausdruck der Widersprüchlichkeit, des Zwiespalts und der Gegensätze. Die Stellung in der Geschwisterfolge ist wichtig für unser Dasein – welches ist meine „Startposition“? Wie drückt sie meinem Weg einen Stempel auf, gibt Handlungsspielräume vor ? Beim Geschwisterpaar Jakob und Esau verhält es sich so: Esau stürzt sich aktiv und vital ins Leben, er ist der Mensch des freien Feldes. Jakob dagegen ist behutsam, abwartend und untadelig. Eigenmächtig versucht er, seine existentiellen Mängel auszugleichen, mit List sich einzuverleiben, was er selbst nicht ist. List und Betrug sind – im Gegensatz zum Kampf – nur schwer beizukommen.
Allein – und einer geht mit
Der gestohlene Segen schickt Jakob in ungeschütztes Land. Und es wird sich erweisen, ob das Weglaufen Jakobs vor der Rache seines Bruders Flucht ist oder Weg. Jedenfalls bekommt Jakob hier seine erste EIGENE Gotteserfahrung im Traum (Gen 28,10-22). Am Boden liegend – im wahrsten Sinne des Wortes, allein und verlassen, wird Jakob die Erfahrung geschenkt, dass der Himmel offen steht.
Der Trickser und Dieb Jakob erweist sich hier als Empfänglicher. Die Geschichte erzählt, dass Jakob in der Lage ist, seinen Traum zu deuten. Unter den Eindrücken der Nacht stellt er erschüttert fest: Wahrhaftig, Adonai ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht (Gen 28,16).
In dieser Nacht ist eine erste Verwandlung mit Jakob passiert. Eine Verwandlung, die er nicht selbst gemacht hat, eine Verwandlung jenseits der Eigenmächtigkeit. Jakob spürt, was geschehen ist und er weiß, hier steht er auf heiligem Boden. Er markiert den Ort mit einem Stein zur Erinnerung. Hier ist Bet-El, Wohnung Gottes. Noch ahnt Jakob nicht, wie sehr er selbst Bet-El werden soll.
Gleichzeitig bleibt Jakob immer noch Jakob. Nach dem berührenden Erlebnis der Nacht steht er auf und macht ein Gelübte, in dem er Gott Bedingungen stellt. Wenn Gott ihn behütet, Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen gibt, dann soll aus dem Steinmal ein Gotteshaus werden. Auch für Jakob gilt: So schnell komme ich nicht aus meiner alten Haut heraus. Das alte Muster, alles selbst in der Hand haben zu wollen, ist stark.
Beobachtungen/Erfahrungen aus der Pastoral: Herausgeworfen aus dem Struktur- und Halt gebenden Familienverband erfahren Männer und Frauen in diesem Text, dass SIE persönlich gemeint sind von Gott. Für diese Erfahrung gab es zuvor keinen Raum und keine Notwendigkeit. Erst wenn du auf dich allein gestellt bist, kommt die Offenheit des Hörens, die Bereitschaft sich Gott anzuvertrauen – denn sonst gibt es schlechthin niemanden mehr. Und Gott beschenkt den, der am Boden liegt, der der ganzen Wucht des „Auf sich allein Gestellt-Seins“ erliegt.
In dieser Situation von Gott ANSEHEN zu bekommen gibt Kraft zum AUFBRUCH in ein unbekanntes Land. – Menschen sind bis heute fasziniert vom Jakobstraum, von der Vision des offenen Himmels und besonders von der ganz persönlichen Zusage in Gen 28,15: „Ich bin mit dir (...) ich verlasse dich nicht“.
Eine Lebensphase, die Menschen ganz auf sich selbst zurückwirft und sie aller Unterstützungssysteme beraubt, kann die Offenheit und Empfänglichkeit hervorbringen, in die hinein Gott ankommen kann. Hier kann aus eigener Kraft nicht mehr viel geschehen, hier ist alles zu Boden gegangen, die alten Pläne taugen nicht mehr, es braucht neue Visionen – und die kann ich mir nicht selbst geben. Solche Situation sind vielfältig: Wegzug zur Ausbildung/zum Studium; Verlust des Arbeitsplatzes; Verlust des Partners; schwere Erkrankung; ...- Dabei beobachte ich, dass Menschen, die von Kindheit an mit religiösem Gedankengut, biblischen Geschichten und traditionellen spirituellen Gebetsformen bekannt sind, sich oft leichter tun, sich vertrauensvoll auf das Ungewisse einzulassen. Doch auch sie machen die Erfahrung wie Jakob, dass eine Schlüsselerfahrung wie die Himmelsleiter allein nicht genügt. Die alten Absicherungsrituale und Handlungsmuster sind stark.
Als Seelsorgerin weiss ich, nicht zuletzt aufgrund der Jakobsgeschichte, dass Gott nicht kleinlich ist wenn Menschen rechten und rechnen, und Bedingungen stellen.Gott hat offensichtlich Humor. Er geht auch krumme Wege mit und bleibt der Treue, selbst wenn Menschen sich lieber auf das Gewohnte denn auf ihn verlassen.
Durch Lug und Trug - und Adonai geht mit
Über Jakobs exklusive Gotteserfahrungen in der Fremde berichtet die Bibel wenig, doch wird alles familiäre Geschehen von Gott her gedeutet. Jakob wird mit den harten Realitäten konfrontiert: sich bewähren müssen, Niederlagen einstecken, aber auch alle Kräfte mobilisieren, um ans Ziel zu kommen und die geliebte Frau zu erringen. Das Werben um Rahel macht deutlich: Jakob wird nichts geschenkt. Die Lösung besteht aber nicht darin – und das muss Jakob schmerzhaft lernen – sich alles selbst zu nehmen. Andere sind noch durchtriebener als er: sein Schwiegervater Laban schiebt ihm die falsche Frau unter. Jakobs Lernweg besteht im Sich-Anvertrauen, darin, der Verheißung wirklich Glauben zu schenken und Adonai die Initiative zu überlassen. Eine lange Zeit der Bewährung ist angesagt.
Denn Adonai verschafft auch Jakobs ungeliebter Frau Lea Recht. Er schenkt ihr Fruchbarkeit und macht seine Verheißung auf diese, Jakob nicht genehme Weise wahr. Damit fangen neue Schwierigkeiten an: die Unfruchtbarkeit Rahels. Auch hier muss Jakob lernen, sich nicht auf seine Schläue und seine Manneskraft zu verlassen, sondern darauf, dass alles Leben von Gott kommt, dass ER die Generativität herstellt. Immer, wenn Jakob aus der Verbindung mit Adonai hinaus fällt und sich mehr auf sich selbst verlässt, scheint er verlassen. Was Jakob zu lernen hat, ist Vertrauen und Glauben: Gott sorgt! Und so erfährt Jakob: Gott schenkt Fruchtbarkeit im gemeinsamen Leben mit Rahel und Lea.
Nach 20 Jahren in der Fremde begibt sich Jakob nochmals auf die Flucht (Gen 31, 1 ff). Der betrogene Betrüger hat sich mit List einen Grossteil der Herde Labans angeeignet. Laban, der wie Jakob listig ist, hat seinen Meister gefunden. Und es scheint, dass Adonai mit einem Lächeln hinter den Augen den „Sieg“ Jakobs über Laban segensreich begleitet. Anlass für den Aufbruch ist eine Vision ( Gen 31, 3-14) , aufgrund derer Jakob Adonai an seiner Seite weiss.
Es kommt die Zeit für den erneuten Aufbruch – oder ist es die Midlife-crisis, die Jakob bewegt, in die alte Heimat zurück zu kehren, so wie viele Menschen unserer Zeit am Ende ihres Arbeitslebens mit Träumen und Hoffnungen in die alte Heimat zurückkehren. Das ist nicht ohne Schwierigkeiten, denn auch dort ist die Zeit nicht stehen geblieben. Und trotz des großen zeitlichen Abstandes sind die alten Geschichten nicht vergessen: da steht man im kalten Wasser, wie ein begossener Pudel und alle Beschwichtigung, alle Verharmlosung und alle Bestechung, so spürt man im tiefsten Herzen, reicht nicht aus. „Unsere Schuld ist zu groß für uns“ (Ps 65,4) – das war bereits die Erkenntnis des Psalmenbeters.
Der Weg zur Versöhnung: Ringen mit Gott und Menschen
Am Jabbok (Gen 32, 23- 33) wird klar, wie unversöhnt Jakob mit seinem Bruder und mit seiner eigenen Geschichte ist. Er hat sich damals etwas genommen, was ihm nicht zustand. Gott ist zwar seinem Weg gefolgt, doch braucht diese Tat der Eigenmächtigkeit noch einen Ausgleich.
Im Jabbok zeigt sich, was Jakobs Leben ist: ein Ringen und Kämpfen, ein Tanz von Widerstand und Ergebung, Präsent-sein und Loslassen, Hinstehen und doch in der Kraft Adonais sein. Das Ringen, das der Begegnung mit dem Bruder und der erhofften Versöhnung vorausgeht, ist von gnadenloser Härte. Nicht los lassen, nicht klein bei geben, keinen Zentimeter abweichen und geschlagen und gesegnet aus diesem Ringen hervor gehen.
Der dunklen Seite ins Gesicht sehen, die Schuld anschauen: daran kann man sich nicht vorbei mogeln. Ohne Aus-einander-setzung mit der eigenen Schuld kann ich mir selbst nicht vergeben. Das ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung, um von meinem Gegenüber die Vergebung zu erbitten. Im Ringen geschieht Selbsterkenntnis und reift die Einsicht, dass dem Geheimnis des Anderen die Ehre zu geben ist.
Der Eintritt in eine neue Lebensphase – die Krise, die existentiell bedrohlich, unklar, verstrickt oder schuldbeladen erlebt wird und die meist mit Verletzungen einher geht, kann durch die Erfahrung der Gegenwart Gottes zur Grenzerweiterung werden. Wenn ich Gott, das unverfügbare Geheimnis, nicht loslasse, auch dann nicht, wenn es unbequem und anstrengend mit ihm wird, wenn ich beharrlich festhalte, mag es das Risiko bergen, geschlagen zu werden – aber auch: SEGEN zu erlangen.
Das Zentrum des Textes ist der Segen und die Namensänderung. Auf die Hüfte geschlagen und geschwächt, bittet Jakob um den Segen. „Der erfochtene Segen deckt den erschlichenen zu“ (M.Buber).
Auf die Bitte nach dem Segen, wird Jakob ein neuer Name geschenkt. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein geschenkter Name, ein Name, den Jakob selbst nicht geben kann Jetzt ist er wirklich ein nach Gott genannter Mensch: Isra-el. Er steht jetzt immer in Verbindung mit Adonai - ohne ihn hat Jakob keinen Namen. Jetzt ist er ganz Kind der Verheissung. Adonai ist ihm zum Retter geworden Das ist die eigentliche Geburtsstunde, seine Transformation – er wird gewandelt in Gottes Bild
Im Gegensatz zum neuen Namen Jakobs, verweigert der Geheimnisvolle Jakob bis zum Schluss seinen Namen. Warum? Vielleicht als Erinnerung und Mahnung, dass Jakob über den Ungenannten nicht verfügen darf.
Die Krise bestanden zu haben, macht oft nachdenklich und demütig. Nur langsam finden Menschen Worte dafür, was ihnen widerfahren ist. Das Intimste, das Heiligste entzieht sich der objektiven Benennung. Es kann beschrieben, aber nicht einfach auf den Punkt gebracht
werden. Wie Gott heute in meinem Leben „seine Hände im Spiel“ hat, klingt alltagssprächlich oft plump und ungenau. Die Geschichte vom Kamof am Jabbok leiht vielen eine bildhafte Sprache, um das zu erklären, was sich der Sprache entzieht.
Wie Jakob werden auch im Bibliodrama Erfahrungen gemacht, die einerseits die Nähe und andererseits die Entzogenheit, die Unverfügbarkeit Gottes spürbar machen.
Das Geheimnis wird zwar erlebbar, aber nicht handhabbar.
Versöhnt den eigenen Weg gehen
Der Schlag auf das Hüftgelenk hat gesessen – nie wieder wird er das vergessen. Hinkend, d.h. bei jedem Schritt zu spüren – geht Israel-Jakob seinen Weg weiter. Und dabei ist das Hüftgelenk der Punkt im Körper, der dem menschlichen Lebewesen zum aufrechten Gang verhilft. Wenn auch geschlagen, so doch aufrecht, auf Augenhöhe begegnet er seinem Bruder Esau. Die aufrichtige Begegnung beinhaltet auch das Niederwerfen und Anerkennen der Position des Anderen. Das bringt Segen und ermöglicht Leben für beide Brüder, freilich in der je eigene Lebenswelt. Es bedarf des eigenen Lebensraums, ohne tagtägliche Reibungs- und Berührungspunkte – eben Seir und Sukkot und den Abstand vieler Kilometer.
Es ist nicht zu unterschätzen, dass das Lebensgefühl eine große Veränderung erfährt, wenn ein Mensch versöhnt ist, d.h. wieder gut machen kann, was er oder sie an Verletzungen einem Anderen zugefügt hat. „Das Antlitz des Bruders sehen, wie man Gottes Antlitz sieht...“ (Gen 33,10) – Wohlwollen in den Augen des anderen finden, weil Gott seine Gunst geschenkt hat. Die enge Verbindung von Gotteserfahrungen und ihre Übertragungen auf die mitmenschliche Ebene verhelfen zu einem neuen Blick, ermöglichen neues Sehen. Das Gegenüber hat das Antlitz des Bruders, der Schwester.
Segen in Fülle an alle weitergeben
Israel-Jakob ist nicht gefeit vor den alten Fehlern seines Vaters: auch er unterliegt der Versuchung, ein Lieblingskind besonders zu verwöhnen und stiftet damit zwischen seinen 12 Kindern viel Neid und Ärger. Doch das ist eine neue Geschichte, die von Josef und seinen Brüdern (37ff.) erzählt. Am Ende des Lebens gibt Jakob den Segen in Fülle an alle seine Kinder und sogar an die Enkel Efraim und Manasse weiter. Das hat er gelernt: Segen von Gott ist für alle da, reichlich und in jeglicher Qualität, so wie ein jeder und eine jede ihn braucht (Gen 49,28b: „Einen jeden bedachte er mit dem Segen, der ihm zukam“).