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Impulse aus dem Bibliodrama für Gottesdienst und Gemeindearbeit
Rezension zu Detlef Hecking / Claudia Mennen / Sabine Tscherner-Babl / Peter Zürn (Hg.), Geh in das Land, das ich dir zeigen werde. Impulse aus dem Bibliodrama für Gruppen und Gemeinden, Ostfildern: Schwabenverlag 2008, 136 Seiten, ISBN 978-3-7966-1390-6, € 14,90, CHF 27,50
Bibliodrama im Gottesdienst? Gar an Weihnachten, am Karfreitag oder in der Osternacht? Wer das Buch aus der Wislikofer Schule für Bibliodrama und Seelsorge gelesen hat, wird die Vorstellung nicht mehr so abwegig finden. Das Buch macht deutlich: Bibliodrama ist nicht nur etwas für extrovertierte und spielversessene Menschen, die sich eigens zu diesem Anlass mit viel Zeit an besonderen Orten treffen, sondern es lässt sich auf vielfältige Weise verän-dern, in Kleinformen und erfahrungsbezogene Einzelelemente verwandeln und so in unter-schiedlichen Praxisfeldern fruchtbringend einsetzen. Vorausgesetzt sind allerdings Leitungs-personen, die sensibel mit ihren eigenen (Glaubens-)Erfahrungen und den Erfahrungen ihrer Gegenüber umgehen und die bereit sind, sich auf die bewegende Kraft biblischer Texte ein-zulassen.
Im Hintergrund dieses Buches steht ein Modell von Bibliodrama, das von dem Pastoralpsy-chologen Herman Andriessen und dem Pastoraltheologen Nicolaas Derksen entwickelt wurde, und das in der Schweiz einen Ort an der Wislikofer Schule für Bibliodrama gefunden hat. Zentral für dieses Modell ist, dass Menschen mit ihren Lebensgeschichten und Glaubenser-fahrungen in ein lebendiges Gespräch mit biblischen Texten treten können – und dass bibli-sche Texte Identifikationsangebote bereitstellen, die dazu einladen, eine Rolle in dem Text zu übernehmen und sie mit dem eigenen Leben zu füllen und weiterzuschreiben. Die Frage, die Menschen im bibliodramatischen Spiel in Bewegung bringt, lautet: »Wie ist für mich die Bot-schaft dieses Textes und wie antworte ich mit meinem Leben darauf?« (S. 14, Claudia Men-nen). Im Zentrum stehen also weder das Spiel als Selbstzweck noch eine Belehrung über den Text, sondern Glaubensgespräch und Seelsorge. Und wenn auf diese Weise Menschen ihr Leben mündig mit dem Bibeltext in einen Dialog bringen, darüber miteinander ins Gespräch kommen und verändert in ihren Alltag zurückkehren, hat dies zutiefst mit Kirche-sein und Kirche-werden zu tun.
Ein einführender Beitrag von Claudia Mennen stellt dieses Verständnis von Bibliodrama vor (S. 11-20). In seiner Vollform braucht dieses Bibliodrama allerdings Zeit und vor allem eine solide Ausbildung der Leitenden. Um es auch weiteren Kreisen zu ermöglichen, in ihrem Gemeinden und Gruppen solche religiösen Erfahrungsräume zu öffnen und so die Pfarreiar-beit zu verlebendigen, werden in dem Buch Kleinformen der bibliodramatischen Arbeit vor-gestellt, die sich in verschiedenen Praxisfeldern einsetzen lassen.
Entstanden ist ein schön gestaltetes Buch, das 25 kurze, gut lesbare und praxiserprobte Bei-träge versammelt. Ein erster thematischer Abschnitt widmet sich verschiedenen Feiern ent-lang des Kirchenjahres (S. 21-58). Gottesdienste, in denen biblische Texte im Kirchenraum ver-ortet werden und zum Nachgehen oder Nachspüren einladen, sind hier ebenso zu finden wie Einblicke in die Predigtvorbereitung mit Hilfe des Bibliodramas. Ein zweiter Abschnitt beschäftigt sich mit Gruppen und Anlässen in der Gemeinde (S. 59-91) und macht die biblio-dramatische Arbeit u. a. für Anlässe für Pfarreiräte in schwierigen Entscheidungssituationen, Leitungsgremien, Eltern von Erstkommunionkindern, LektorInnen, MinistrantInnen oder Firmlinge fruchtbar. Ein dritter Abschnitt des Buches stellt besondere Gelegenheiten der Pa-storal ins Zentrum (S. 93-131) und gibt Impulse u. a. für Frauen- und Männergruppen, für pastorale MitarbeiterInnen, Menschen in Umbruchsituationen oder in verantwortlichen Posi-tionen.
Die AutorInnen sind wie die HerausgeberInnen nach dem Modell von Andriessen und Derk-sen zur Bibliodramaleitung ausgebildet oder sogar in der Bibliodrama-Ausbildung tätig (s. ihre Vorstellung S. 134-135). Bei aller Unterschiedlichkeit der beschriebenen Modelle ist ihnen gemeinsam, dass es weniger um Exegese der Texte geht, als vielmehr darum, den Teil-nehmenden Raum zu geben für eigene (Glaubens-)Erfahrungen in der Begegnung mit bibli-schen Texten. Auch wenn nicht jedes Modell für jede/n anwendbar sein dürfte, können Seel-sorgerInnen und Ehrenamtliche dem Band vielfältige Anregungen für ihre eigene Arbeit ent-nehmen – sofern sie etwas mit dieser Art erfahrungsbezogener Bibelarbeit anfangen können. Berührende Liturgien wie z. B. diejenige zum Heiligen Abend in einem Krankenhaus (Karin Klemm) wecken die Sehnsucht nach ähnlichen Gottesdiensten auch in »normalen« Gemein-den. Impulse wie derjenige zur Männerspiritualität (Peter Zürn / Heiko Rüter), der Männer in ihren Arbeitssituationen würdigt, geben Ideen für eine »andere« Männerarbeit in Pfarreien.
Das Buch ist dem »Lehr- und Lebensmeister« (S. 10) Nicolaas Derksen zum 65. Geburtstag gewidmet. Es lässt ahnen, wie sehr er durch seine Arbeit viele Haupt- und Ehrenamtliche in Holland, Deutschland und der Schweiz bereichert hat.
Sabine Bieberstein