Bibliodrama als Seelsorge   

Buchbesprechung von Peter Zürn zu Nicolaas Derksen / Claudia Mennen / Sabine Tscherner, Bibliodrama als Seelsorge. Im Spiel mit dunklen Gottesbildern - Ein Praxisbuch

 

Obwohl das Buch aus der Bibliodrama-Arbeit und für sie entstanden ist, ist es zuallererst ein Praxisbuch für die Seelsorge. Die Reflexion der Rolle einer Seelsorgerin bzw. eines Seelsorgers und die Reflexion konkreter seelsorgerlicher Interventionen und Begleitungen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Deswegen ist es ein Buch, das weit über die Bibliodrama-Szene hinaus von Interesse ist. Und auch weit über die Kreise von Theologinnen und Theologen hinaus, die heute die Berufsgruppe der Seelsorgenden stellen. Seelsorgerlich tätig sind viel mehr Menschen in den Kirchen (und darüber hinaus). Im besonderen Praxisteil des Buches finden sich denn auch bibliodramatische Kleinformen für den Einsatz in Gruppen quer durch die verschiedenen kirchlichen Praxisfelder (Kirchenpflege, Pfarreirat, Liturgiegruppen, Elternabende, Kommunionspende- und Sterbegleitungsgruppen etc.). «Bibliodrama als Seelsorge» bietet wichtige Impulse, um Seelsorge so gestalten zu können, wie sie heutigen Menschen entspricht: «auf Augenhöhe, in gegenseitiger Abhängigkeit» entsprechend dem Leitsatz und der seelsorgerlichen Grundhaltung: «Ausserhalb von Beziehung kein Heil».

Ein Praxisbuch – natürlich für Bibliodrama

In das Buch eingeflossen ist die Erfahrung von 35 Jahren Bibliodrama-Spielen des Autors und der beiden Autorinnen. Im Buch sind 14 Spielerfahrungen mit biblischen Texten ausführlich vorgestellt und reflektiert. Manchmal handelt es sich um die verdichtete Reflexion mehrerer Spiele. Dazu kommt der kursorische Durchgang durch Erfahrungen mit den Lesungstexten in der Osternacht nach der Leseordnung der Römisch-Katholischen Kirche. Zu mehr als 25 Bibeltexten sind die Raumaufteilungen graphisch übersichtlich gestaltet abgedruckt – als Anregung zur kreativen Weiterverwendung. Als Klappentext im vorderen Einband sind die einzelnen Schritte eines Bibliodramas nach der Wislikofer Schule abgedruckt. Mit dem Buch in der Hand lässt sich Spielen und Leiten.

Ein Praxisbuch – für den Umgang mit dunklen Gottesbildern

Das Buch wagt sich an Bibeltexte, an Gottesbilder und an Erfahrungen, die kirchlich und gesellschaftlich eher verdrängt und in den Hintergrund geschoben werden: Gewalt, Schuld, Gericht.
Der Preis für die Verdrängung ist die Halbierung der Wirklichkeit. Dagegen setzt «Bibliodrama als Seelsorge» den mutigen Zugang zum Gericht als Heilserfahrung, zu Schuld und Sünde, die nur verwandelt werden können, wenn sie auf den Tisch kommen, zu Gewalt als Teil unserer Wirklichkeit und als Ausdruck der Leidenschaft Gottes für Gerechtigkeit. Wer Theologie treibt und dabei in der einen Hand die Bibel und in der anderen die Tageszeitung (oder heute das Smartphone) hält, kommt an diesen Themen nicht vorbei – oder eben nur um den Preis der Wirklichkeitsverzerrung und der Unglaubwürdigkeit. Beides zu verhindern, ist Anspruch einer zeitgemässen Seelsorge (s.o.).

Ein Praxisbuch – für die Entwicklung eines erwachsenen Glaubens

Immer wieder wird in «Bibliodrama als Seelsorge» von Menschen und ihren Glaubenserfahrungen erzählt. Sehr berührende und sehr ehrliche Erfahrungen, in denen die Bibelgeschichte und die Lebensgeschichte durchlässig füreinander werden. Es ist das Ringen um den ganz persönlichen, individuellen Glaubensweg zu spüren, um den Weg zu einem erwachsenen Glauben, der sich nicht mit Formeln abspeisen lässt, der sich aber auch den eigenen Umwegen und Irrwegen stellt und den Gefühlen, die all das auslöst. Zu einem geringeren Preis ist authentische Entwicklung nicht zu haben.

«Bibliodrama und Seelsorge» ist ein Praxisbuch im beschriebenen vierfachen Sinn.

Bei aller Wertschätzung bleibt eines kritisch anzumerken. Das Buch ist ein Werk zweier Autorinnen und eines Autors. In den einzelnen Kapiteln spricht aber immer wieder ein «Ich» von eigenen Erfahrungen. Dass dieses «Ich» nicht genau zugeordnet wird, etwa durch die Nennung eines Namens am Ende des jeweiligen Kapitels, sorgt zwischendurch doch für einige Irritation. Wer wie ich und viele andere mit Nico Derksen, Claudia Mennen und Sabine Tscherner gut bekannt ist, hört jeweils die eine oder den anderen sprechen. Ich achte das Bedürfnis, ein gemeinsames Buch zu schreiben, aber die Irritation, die sich beim Leben ergibt, soll doch angezeigt werden.

Peter Zürn
Präsident des Vereins Bibliodrama und Seelsorge